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  • Leonie Rettig

Zur gegenwärtigen Situation – Musik in Zeiten einer Pandemie

Aktualisiert: Juni 24


Was bedeutet es, ein Musiker zu sein, dem die eigene Stimme verboten wird? Was bedeutet es, ein Mensch zu sein, dem die eigene Stimme verboten wird?

Wir erleben in dieser Zeit eine Flut von Einschränkungen, wir müssen uns anpassen – seid flexibel! Seid kreativ! Stimmt, das ist ja so einfach. Wäre der menschliche Austausch, der Kontakt zu unserem Publikum, nicht von existenzieller Bedeutung für beide Seiten, könnten wir uns alle in unsere Wohnungen verkriechen und glücklich streamen. Doch wer ist glücklich? Wer freut sich darüber? Wer ist wahrhaftig befriedigt von diesem “Austausch“ mit der Kamera? Genau. Niemand. Wir müssen das machen. Weil wir uns ausdrücken wollen. Weil Ausdruck nicht nur ein urmenschliches Bedürfnis ist, sondern auch Hilfsmittel. Brückenbauer. Verständiger. Zu kommunizieren bedeutet, sich zu verbinden. Und Musik ist unsere tiefste, ehrlichste und wichtigste Form der Kommunikation. Unsere innere Stimme drückt sich bis an die Ränder unserer Lippen, bis sie diesen Drang, sich auszudrücken, nicht mehr zurückhalten können und es aus uns herausplatzen muss. Es zerreißt uns förmlich, unserer inneren Stimme nicht Raum geben zu können. Und je weniger sie sich mitteilen darf, desto mehr wird sie verkümmern. Dann wird der Brunnen versiegen und es dauert, innere Leere und Dürre wieder zu voller Blüte zu verhelfen. Doch darauf wird es hinauslaufen. Unsere innere Stimme wird verstummen.

Zum Glück sind wir Musiker, und nicht nur Musiker, sondern wir alle, wir als Menschen, mehr oder weniger krisensicher gebaut. Wir denken um, wir passen uns an. Doch ewig ist das nicht möglich. Ich weigere mich, an ein “post-Corona Szenario“ zu denken, in dem die Kulturlandschaft dem Boden gleich gemacht wurde und wir nach alternativen Ausdrucksformen suchen müssen. In dem die von jeher bestehende Praxis, auf der Bühne zu musizieren, und seinem Publikum zu begegnen nicht mehr existiert. Mir Gedanken machen zu müssen, wie Konzertformate in Zukunft aussehen sollen, da es ja anscheinend kein Zurück mehr gibt. Der Gedanke daran lässt mich verzweifeln, da es meiner Meinung nach keine Alternative zur Rückkehr auf die Bühne gibt. Im Moment ist die Situation folgende:

- Konzerte werden in großen Sälen, wenn überhaupt, vor einer Handvoll Publikum, also quasi in einem leeren Raum, gespielt und/oder gestreamt

- Dafür werden sie x-Mal wiederholt, damit möglichst viel Publikum erreicht werden kann

- Mehr als je zuvor wird auf die “großen Namen“ zurückgegriffen. Ergo, weniger Konzerte, weniger Konzertorte, da nicht alle überleben und das wenige Übriggebliebene unter den Üblichen aufgeteilt wird

Ich weigere mich, einen Saal, der 2000 Leute fasst und jetzt mit netten 150 Zuhörern bespickt wird, als das neue Normal anzunehmen. Die Symbiose eines Künstlers auf der Bühne mit seinem Publikum entsteht durch eben jenes erstrebte “ausverkaufte Haus“, die Rezipienten sind unsere ewige Quelle an Energie und Inspiration – ein Zustand, aus dessen Symbiose eine Sternstunde entstehen kann. 2000 Zuhörer*innen haben eine überwältigende Wirkung und jene Verbindung kann man auch mit einem Publikum von 150 Menschen eingehen, wenn der Saal die entsprechende Größe hat. Man verschmilzt zu einem großen Ganzen.

Stellen Sie sich nun einen halbleeren Saal vor (also noch deutlich voller als im Moment erlaubt). Heute ist das toll. Heute ist es großartig, wir dürfen endlich wieder spielen. Doch nicht nur wir sitzen verlassen auf der Bühne, einsam in einem viel zu großen Saal für ein Privatkonzert, welches es am Ende doch ist. Auch die Zuhörer sitzen verlassen im Saal. Wir nehmen das in Kauf, weil wir spielen wollen, weil es uns ein Bedürfnis ist.

Nun sind wir gezwungen, unsere Aktivitäten prioritär ins Internet zu verlegen, der Reichweite wegen, des Abstands wegen oder auch um einfach weiterhin gehört zu werden. Weil das das neue „Normal“ werden soll? Nein. Es gibt keine Alternative. Onlineformate haben als Additiv durchaus ihren Reiz und ich will die Chance der individuellen Veränderung, einer gesellschaftlichen Verbesserung, politischen Umdenkens, der Digitalisierung nicht außer Acht lassen. Ersetzen sie jedoch das reale Konzert, bleiben rein virtuelle Konzerterlebnisse, laut Duden (und Google) definiert als “nicht in Wirklichkeit vorhanden, aber echt erscheinend“.

Sie hören doch die Musik, sie sehen doch den Künstler, auch im Internet? Was wollen Sie mehr? Ja. Sie sehen und hören uns. Doch der einzige Grund, das Wichtigste warum man ins Konzert geht, gehen muss, warum Musik, Tanz, Gesang auf die Bühne gehören und Bildende Kunst in eine Ausstellung oder wo auch immer es die jeweiligen Künstler für passend erachten – das Wichtigste ist nicht gegeben, das Wichtigste ist uns allen verwehrt! Das Wichtigste ist, Musik zu erleben! Und das ist nicht und wird auch niemals über eine Kamera übertragbar sein. Musik zu fühlen, sie zu erleben, eine emotionale Erinnerung daran zu behalten, an die man noch Jahre zurückdenkt, ist nur im direkten Kontakt möglich. Es gibt also keine Alternative, als die, dass wir alle wieder zurück auf die Bühne dürfen. Es gibt kein besseres Format.

Was wir seit ein paar Monaten erleben, ist hart. Die momentane Situation lässt tief blicken in die gesellschaftlichen und politischen Missstände eines jeden Landes. Und manche Menschen unter uns trifft diese Zeit besonders hart – sie führt uns wieder und wieder vor Augen, dass wir noch lange keine Gleichheit erreicht haben. Wir denken es, doch wir sind weit davon entfernt. Auch wurde klar, wer, bzw. welche (Lebens-)Bereiche in den jeweiligen Ländern für wichtig erachtet werden und welche nicht. Wer verspürt nach dieser globalen Krise ein gewachsenes Vertrauen in die Lenker seines Landes und wer bleibt mit einem gebrochenen zurück? Viele, mit denen ich sprach, fühlten sich irrelevant, vergessen. Viele, viele mehr noch und unter ihnen auch wir.

Ist Kunst relevant? Wir können ja trotzdem weitermachen, wir waren doch so toll und kreativ und haben uns andere Möglichkeiten gesucht. Viele von uns haben freiwillig und – viel wichtiger: unentgeltlich – täglich gespielt. Schön, dass wir trotzdem noch für Unterhaltung sorgen, dann kann es uns ja nicht so schlecht gehen, dann muss man sich auch keine Sorgen um uns machen. Wir spielen ja immer, egal wann und wo, da es uns ja so viel Freude bereitet. Apropos unentgeltlich: das ist deshalb ein wichtiger Punkt, da es sich bei unserem Beruf nicht um ein Hobby handelt. Ja, dieser Gedanke ist für manche noch immer vorherrschend, wenn sie an die Ausübung des Musikerberufs denken. Ach, Sie spielen Musik, ich spiele auch ein Instrument, wie schön. Es ist aber kein Hobby, sondern Arbeit, tägliche Arbeit, für die meisten von uns schon von Kindesbeinen an. Es ist ein schöner Beruf, eine Berufung, ein erfüllender Beruf. Ja. Aber außer der Musik selbst, gibt es nichts zu verschenken in unserem Beruf. Unsere Arbeit muss genauso wie die eines jeden anderen entlohnt werden.

Wie relevant ist Kunst? Viele entschieden sich auch, in dieser Zeit still zu bleiben. Doch ist Musik und Kunst elementar für eine Gesellschaft, da dem innersten Wunsch seiner Stimme Gehör zu verschaffen, dem Menschen seit jeher ein natürliches Bedürfnis ist. Für uns, als globale Gesellschaft, für jedes Land, jeden Bund, jede Stadt und jedes Dorf. Es ist egal, auf welche Größe man es skaliert, Musik wird immer Bindeglied bleiben, für Verständigung sorgen, Verständnis, Zusammenhalt, eine gemeinsame Sprache, wo das Wort frei nach Heine unzulänglich wird. Wünschenswert wäre eine Fortsetzung unserer Jahrhunderte alten, auf Kunst und Kultur fußenden Gesellschaft und nicht das Ende davon. Nicht nur wir Musiker und Künstler tragen dazu bei, sondern auch die Rezipienten, unser Publikum. Besonders in der Ausbildung unserer uns nachfolgenden Generation sollte Kunstvermittlung wieder eine zentrale Rolle einnehmen. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass die Künste zu unser aller Leben dazugehören.

Musik, Kunst bringen uns nicht nur Disziplin, das befriedigende Gefühl, nach harter Arbeit den Fortschritt z.B. in der Technik wahrzunehmen, innere Reife durch das lange und intensive Studium schon im frühen Alter zu erlangen, sondern fördern auch Teamgeist, aufeinanderhören, miteinanderarbeiten, – schlicht: ein Miteinander. Ausgehend von Musik und Kunst lässt sich fast alles in der Schule Notwendige lehren: Von der Mathematik bis hin zu Geografie, Geschichte, Ethik, auch Physik oder Fremdsprachen. Es entsteht ein Netzwerk an Informationen, ein Informationsuniversum, wenn Sie so wollen, anstelle einzelner Schubladen, die nur einzeln aufzumachen sind und die jeweils Nebenliegende gerade mal durch die doppelte Wand ihrer eigenen Begrenzung berühren.

Um nun wieder zurück zu den Gedanken über die Zukunft unserer reichhaltigen Konzertlandschaft zu kommen: Viele von uns könnten vermutlich auf das ein oder andere Konzert verzichten, um auch anderen eine Chance zu bieten. Niemand spielt 150 Konzerte im Jahr und jedes davon auf höchstem Niveau. Weniger kann in diesem Fall so viel mehr sein. Wenn Musiker mit 30 ausgebrannt sind, weil ihr Leben nur noch zwischen Flughafen und Konzertsaal stattfindet, haben sie ebenso von sich selbst zu viel verlangt wie ihnen von anderen abverlangt worden ist. Wenn auf den großen Bühnen nur noch eine sich überall wiederholende Liste an Musikern zu sehen ist, hat sich in den Grundgedanken, Musik über eine Vielzahl an Musikern zu verbreiten, die Versuchung nach rein wirtschaftlichem Handeln eingeschlichen und ihn dominiert. Wäre es für den Einzelnen wirklich ein Schaden, weniger zu reisen, eine solide Anzahl an guten Konzerten zu spielen und die ausreichend vorhandenen Konzertbühnen mit vielen anderen zu teilen? Dies würde zudem den in der Musik so wichtigen Aspekt der Diversität, der Vielfalt fördern. Für die Umsetzung braucht es allerdings insbesondere den Mut von Veranstaltern.

Auch in unserem Beruf kann und muss das Thema Nachhaltigkeit präsent sein. Insofern ist es jedem überlassen, diese Situation für eine Reflektion zu nutzen. Bei allen Gedanken über die eigene, die gesellschaftliche, die politische Entwicklung und das eines Tages gezogene Fazit aus dieser Situation, darf die Konsequenz nicht sein, der Musik ihren Boden zu nehmen, von dem sie sich nährt und lebt: Es gibt keine Alternative zu Musik auf der Bühne. Es gibt nur die Frage, ob wir Kunst in unserem Leben überhaupt brauchen. Und darauf gibt es meiner Meinung nach nur eine Antwort.

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