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  • Leonie Rettig

Brief an einen Freund respektive Bericht aus China.

Aktualisiert: Juli 2

Hier kommt sie also. SIE! Die lange Spam-Mail, die schon so manches Mal deinen E-Mail-Account-Speicherplatz in Bedrängnis brachte. Oder auch nicht. Jedenfalls waren sie lang. Laut Deiner Aussage. Dabei kamen sie mir auf dem iPhone-Display nie so übermäßig lang vor – … ich drifte ab. Wo waren wir? Genau. Das fünf-vor-zwölf-Resümee kommt pünktlich kurz vor der Abreise, zurück, nach Hause.

Nun, kurz gesagt, mir geht’s gut, danke der Nachfrage. Hier ist es grau, dauergrau, und es riecht ein bisschen streng, als hätte man gerade eine Ladung Raketen in einem geschlossenen Raum abgefeuert. Neujahr rückt immer näher, ergo wird mehr und mehr von Raketen und Böllern Gebrauch gemacht. Es ist laut, das kann ich dir sagen. Unsere Regelpolizei würde hier übrigens in Ohnmacht fallen, jeder fährt wo er kann, Fahrräder all over the place, man muss aufpassen, selbst wenn man Grün hat. Von allen Seiten strömen sie, die verschiedensten Fortbewegungsmittel, egal welcher Größe, Farbe, Form, per pedes oder auf einem Lenkrad sitzend, es gibt immer eine Lücke, durch die man hindurchpasst und durch welche man auch sogleich schlüpft. Wie sagt man so schön: Die Gelegenheit beim Schopfe packen! Bloß keine auslassen. Oberstes Gebot: Immer im Fluss bleiben. Und die Augen offen halten. Und es funktioniert hervorragend! Wozu braucht man eigentlich einen Gehweg? Man hat doch Straßen, da ist Platz genug für alle. Also immer schön mitten auf der Straße laufen, inmitten eines ohrenbetäubenden Hupkonzerts, waghalsiger Ausweichmanöver und dich anstarrenden Chinesen. Ja, sie starren. Ich fühlte mich so manches Mal ein wenig beschämt, an dieses Gefühl anlehnend, nicht zu wissen, ob man eine Nudel im Gesicht hat oder doch nur einen unbemerkten Tomatenfleck auf der Bluse. Jedenfalls hat das positive und negative Seiten. Auf der einen kommen in Beijing im Imperial Palace gleich zwei mal junge Chinesen auf mich zu, wild gestikulierend,  “PHOTO, PHOTO!!!” und zerren mich vor die Kamera, mit stolz geschwellter Brust, Zeige- und Ringfinger in die Höh’ gestreckt, Smile! Und eh ich mich versah, hatten zwei glückliche junge Damen ein Foto von einer ganz verdatterten Ms. Glückelplöpp geschossen. Oder sie lächeln mich an, sagen “hello!”, gucken mir nach, kaufen mir nach etlichen missglückten Versuchen ein Ticket, oder beobachten mich beim Essen, und nein. Bei all dem fühle ich mich nicht wie ein zur Schau gestellter Ausserirdischer. Ganz und gar nicht, wieso auch. Auf der anderen Seite, … Nun, eigentlich gibt es keine andere Seite. Es ist vermutlich alles reine Neugierde und, das kann ich mit Bestimmtheit sagen, keine Feindlichkeit, denn ein Lächeln geschenkt zu bekommen oder ein "beautiful sister" von zwei kichernden Teenagern, gehört nicht gerade zu meinen verhassten Alltagsbegegnungen. Also Augen halb zu und durch. Ich fragte mich schon des Öfteren warum dem so ist, fand aber keine Antwort. Denn wie schrieb Fontane so schön: Ach, …, laß … das ist ein zu weites Feld. Bottom line, hier sind alle sehr nett, man verständigt sich mit Händen und Füßen – international language – Englisch? Wieso – wir können doch Chinesisch! Das Essen ist übrigens ein Gaumenschmaus. Dumplings, Noodles, Reis, Ei, seltsame Würstchen (in diversen Geschmacksrichtungen, wie z.B. Shrimp flavour, made in China), Sojamilch, Fleisch en masse in diversen Soßen etc. zum Frühstück. Und vieles mehr zum Mittagessen und Abendessen. Lecker lecker lecker! Dennoch, es geht doch nichts über eine Pasta, oder heimatliche Maultäschle, Spätzle mit Soß’ oder Zwiebelrostbraten. Mmhhh!

Der Unterricht ist sehr interessant, er arbeitet sehr detailliert. Tagesrhythmus: Seit gut 10 Tagen zwischen 5.30 und 8 Uhr morgens aufstehen, Kaffee, üben, Unterricht, üben, schlafen. Ach ja, und gegessen wird irgendwie, irgendwann, irgendwo, schnell, so zwischen Tür und Angel, bzw. in dem Fall zwischen üben und üben, nichts Neues also, alles wie beim Alten, man könnte fast sentimental werden: die Zeiten in Hannover, wie war das nochmal… Dauergrau-üben-Kaffee-üben-Kaffee-üben-schlafen und alles wieder von vorne. Ich wusste doch, an irgendetwas erinnert mich das ganze Procedere hier. Jedenfalls tat es gut, teilweise auch nicht, das lag dann aber eher daran, das es nicht immer angenehm ist, einen Spiegel vor die Nase gehalten zu bekommen und dann nicht ausweichen zu können. Was ich sah, gefiel mir nicht, es war jedoch nichts, was sich nicht ändern lässt. Also gehe ich voller Elan und neuem Mut zurück in den Alltag, der jetzt ganz anders ausfallen wird als noch vor zwei Wochen. Viel Arbeit wartet und ich möchte sie endlich leisten. Fazit: mission accomplished. Sie wachte endlich auf. Zwar nicht durch einen Kuss irgendeines dahergelaufenen Prinzen, aber was soll’s. Man kann ja nicht alles haben!

Alles in allem also ein erfolgreicher Ausflug in ein schönes, interessantes, großes Land. Um eine Erfahrung reicher und viele Schritte weiter. Am Mittwoch geht’s zurück, ach wie ich mich freue! Ihr fehlt mir und!:({ich werd’s nur einmal schreiben und dann nie wieder, vermutlich schreib ich’s auch nur ob der übermannenden {oder schreibt man jetzt heute überfrauenden??} Müdigkeit, sie benebelt mein Gehirn und lässt meine Finger seltsame Dinge zu virtuellem Papier bringen) irgendwie fehlt mir auch Hannover. Ein wenig nur. Ein klitzekleines Bisschen. SO. Jetzt ist es raus. Da fühlt man sich doch gleich besser!

Also, ich hoffe dir geht’s so blendend wie mir und in Italien ist es ein kleinwenig wärmer als die -10 Grad hier. Erzähl doch mal!

Bis bald und liebe Grüße


Gez. P.G. a.k.a. L.R.

(2012)

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